«Wir sind Schwarzbuben!» - Die Antwort von Hulda Gröli kommt wie aus der Pistole geschossen. Man hege auf gar keinen Fall Absichten, etwa mit Baselland zu fusionieren, klärt die 78-jährige Rodersdorferin resolut auf: «Ich kann mir unter keinen Umständen vorstellen, zu Baselland zu gehören.»

Was wäre in diesem Fall denn so anders?

Hulda Gröli: Nun, einfach alles.

Wenn man in Rodersdorf sagt, «Wir gehen in die Stadt», dann meint man aber schon Basel?

Jäjä, doch es gibt natürlich auch noch Laufen, doch dazu muss man über den Chall, den Berg. Noch etwas zum Chall: Früher, als die Bauern eine Kuh kaufen oder auch verkaufen wollten, mussten sie zu Fuss mit der Kuh nach Laufen, da war immer der Laufen Märit. Und diese Kuh musste laufen! Metzerlen, Chall, Röschenz, Laufen, ja, das war nicht einfach.

Früher war man also eher nach Laufen orientiert, heute ist es Basel.

Jäjä, ... der Laufen Märit war doch recht wichtig für uns.

Den gibts nicht mehr?

Doch, doch, da gehen noch immer viele Leute hin. Ich selber gehe etwa noch zum Einkaufen nach Laufen, den Märit besuche ich aber nicht mehr.

 

Schielen auf das Ausland

Viel einfacher als die Orientierung ins Landesinnere am hinter dem Hügel gelegenen Metzerlen-Mariastein ist in der nordwestlichsten Solothurner Gemeinde jedoch das Schielen auf das angrenzende Ausland. Nicht weniger als 88 Prozent der Gemeindegrenze entsprechen gleichzeitig der Landesgrenze zu Frankreich, zum Elsass. Auf dem Weg nach Oltingue, das hier nur Oltingen genannt wird, taucht irgendeinmal die Kapelle
St-Brice auf, ein malerischer Naherholungs- und Ausflugsort mit kalter Küche. Für Hulda Gröli hat nicht nur St-Brice, sondern das nahe Ausland allgemein eine ganz besondere und wichtige Bedeutung. Durch die angeborene Arthritis seit rund zwanzig Jahren an den Rollstuhl gebunden, ist die ehemalige Buchhalterin auf elsässische Hilfe angewiesen. «Ich habe gleich zwei Spitex-Frauen aus Biederthal, die jetzt allerdings pensioniert sind. Die Putzfrauen kommen aus Liebenswiller und Oltingen, und auch die Gemeindepräsidenten kommen gut aus miteinander.»

Man könnte also schon sagen, dass Rodersdorf ein wenig elsässisch ist?

Jäjä, angehaucht (lacht), hauptsächlich die Sprache.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Da kommt mir jetzt kein spezielles Wort in den Sinn, vielleicht: «Chunnsch vo hinge füüre». Ich würde sagen, wir haben ganz einfach einen leicht anderen Accent als die Elsässer.

Bis wie weit nach Frankreich hinein versteht man denn Ihren Dialekt? Wie steht es beispielsweise mit Ferrette?

Da auf jeden Fall. Ob uns die jüngeren Elsässer aber noch verstehen, kann ich nicht sagen. Ich habe schon gehört, dass die praktisch nur noch französisch sprechen und das Elsässische arg vernachlässigen.

 

Es wimmelt von Radfahrern

Zurück zu Rodersdorf und dessen Lage im Leimental. Am Wochenende wimmle es hier nur so von Radfahrern, bestätigt Gröli, die seit fünf Jahren alleine im noch nicht ganz zehnjährigen Haus nahe dem Dorfkern wohnt. Viele von ihnen reisen mit der Bahn hierher, um die Ebenen und sanften Hügel ennet der Grenze bei geringem Verkehrsaufkommen abzuradeln. Grenzkontrollen, wie es sie früher, vor allem während der Weltkriege, gab, sind heute keine mehr zu finden. Gröli erinnert sich noch gut an die Zeit um 1940: «Da wurde viel geschmuggelt! Wir waren Kleinbauern und erhielten, bestimmt einmal die Woche, Besuch einer Bäuerin aus Liebenswiller. Ich war da seiben Jahre alt und habe zugesehen, wie sie unter ihrem langen Rock Kaffee, Zucker und Zigaretten schmuggelte.»

Sie müssen noch die eine oder andere zusätzliche Erinnerung an jene Zeit haben.

An den Zweiten Weltkrieg ganz bestimmt, ja. Damals, als die Deutschen kamen, mussten die Elsässer Bauern alles verlassen, und so geschah es, dass einer von ihnen vortäuschte, zum Güllen aufs Feld zu fahren. Dabei hatte er das ganze Güllenfass voller Ware, doch die Deutschen merkten es und schossen auf ihn. Da drosch er auf die Pferde ein, damit diese noch schneller liefen - mit Erfolg.

 

Begehrter Ort

Über all die Jahre ist Rodersdorf ein beliebter, ja geradezu begehrter Ort geworden. 300 Einwohner, erinnert sich die gebürtige Rodersdorferin, habe der Grenzort damals gezählt, heute beträgt die Einwohnerzahl über 1300 - Tendenz weiter steigend. Wie beliebt der Rodersdorfer Grund ist, beweisen die Bodenpreise, welche vor gut zehn Jahren sprunghaft anstiegen und sich noch heute zwischen 400 und 800 Franken pro Quadratmeter bewegen. - Doch wer zahlt denn solche Preise? «Tja, Baasler», sagt Hulda Gröli und verweist auf Postkartenansichten von früher.

Tatsächlich: Da war von den diversen Überbauungen noch nicht viel zu sehen ...

... und die Strassen waren noch nicht geteert. Wir hatten früher vier Restaurants in Rodersdorf plus den Coop, heute haben wir nur noch das Bahnhöfli und das Rösmatt-Stübli sowie einen Dorfladen, der ums Überleben kämpft.

Wann ist denn der Bauboom ausgebrochen?

Das begann in den 60er-Jahren und dauert bis heute an. Gerade eben haben sie wieder eine neue Strasse gemacht, folglich wird es noch einmal neue Bauplätze geben.

 

Nicht nur Basler

Sagts, und verzieht leicht die Miene. Es sind nicht nur Basler, die es ins nahe Rodersdorf zieht, wird Gemeindepräsident Max Eichenberger später präzisieren, sondern Leute aus der ganzen Schweiz - die meisten jedoch mit der beruflichen Ausrichtung nach Basel. Dank der Tramlinie 10, der längsten internationalen Tramlinie überhaupt, ist der Anschluss nach Norden gewährleistet - seit nunmehr 102 Jahren. In alle anderen Himmelsrichtungen fühlt man sich von allem und allen weit weg. Ganz weit weg.